Spuren
ou le gai savoir du monde animal

An schönen Tagen herrscht zuweilen völlige Stille in den abgedunkelten Gängen und Räumen des Genfer Musée de l‘histoire naturelle. An anderen Tagen wimmelt es von laufenden Kindern, deren aufgeregtes « Regarde ça! », « Ehh, regarde celui-là », « Moi, j‘adore le kangourou », « J‘aime le zébra, moi », sich mit dem erzieherischen Versuch sie zur Raison zu rufen und ihnen zu erklären « Ça c‘est un rhinocéros » mischt. Dann spaziert wieder ein einzelnes Duo vorbei. Ein Kind, das den großväterlichen Begleiter Namen um Namen nennen oder vorlesen lässt. Die Ordnung vor Ort ist verführerisch.

Auf kleinen Tafeln sind Bezeichnung, Klasse, Rasse, Art, Geschlecht, Alter und Lebensraum des jeweiligen Ausstellungsstückes vermerkt. Zudem wird auf ihren Bestand, die Anzahl der lebenden Exemplare, die vom Aussterben bedrohten oder bereits Verschwundenen hingewiesen.

Ich durchquere die Ausstellung, ausgestattet mit einer Lochkamera. Angesichts all der Augen fühle ich mich betrachtet, fixiert, obgleich ich die Schaulustige bin. Eine Besucherin fragt mich, ob ich versuche das Tier zu erwecken, welches ich während einer Aufnahme minutenlang mit kreisender Taschenlampe beleuchte. Nein, doch das Leuchten von Haut und Fell des Tieres strahlt in das Innere des hölzernen Gehäuses und hinterlässt Spuren auf dem Film.

Aufgezogen auf eine skulpturale Nachbildung des Körpers ist die kunstfertig präparierte und arrangierte Haut, inmitten des inszenierten Dekors, das einzige Zeichen einer einstigen Präsenz. Die glasäugigen Figuren scheinen eher die projizierten Geschichten und imaginären Konstruktionen ihrer Produzenten zu konservieren und in Form zu fassen, als dass sie mir Zugang verschaffen zu einer möglichen Welt der Tiere.

Die Einschreibungen auf den Film überlagern, überblenden, verwischen sich wechselseitig ohne sich aber völlig zu vermischen oder aufzulösen. Dieses ‘Bestiarium‘ erschafft keine hybriden Körper, Monster oder symbolische Werte. Es bedient sich lebloser restituierter Tiere, die ich aus ihrer gegliederten Anordnung herauslöse und auf dem Band neue komponiere. In dieser Komposition bilden sie ein heiteres Ensemble, welches uns still anschaut, so als wüsste es etwas über uns.









Helen Follert
Genf, den 24. November 2009