Lid. Ein, aus

Der Schauplatz ist ein Kontrollraum. Ein Band von lichtdurchlässigen Bildern erstreckt sich über einen Fries von dreißig Fenstern, die den Saal knapp unterhalb der Zwischendecke einrahmen.

Die Bilder wurden mit einer selbstgebauten Lochkamera aufgenommen. Die Bezeichnung Apparat wäre hier irreführend, da es sich um ein einfaches Holzgehäuse handelt, in das eine feine Metallplatte mit einer präzisen sehr kleinen Öffnung eingelassen wurde. Die Photographien auf Mittelformatfilm sind das Resultat langer Belichtungszeiten. Obwohl es sich um ein Medium handelt, welches statische Bilder hervorbringt, spielt die vergehende Zeit eine wesentliche Rolle in dem Entstehungsprozess.

Das Motiv der Kontrolle, welches der Schaltzentrale eines Umspannwerkes so inhärent ist, wie auch anderen Überwachungsräumen, ist dem Prinzip der Lochkamera entgegengesetzt.

Bei letzterer geht es vielmehr darum etwas Geschehen zu lassen, ohne vorher eine exakte Vorstellung, ein genaues Bild von einem Endergebnis vor Augen zu haben. - Eine Begegnung.

Absichtlich verzichtete ich auf Linsen zur Bündelung des einfallenden Lichtes. Ebenso kommt diese Variante der Camera Obscura ganz ohne Messeinheiten, zur Bestimmung der Schärfentiefe und des Lichteinfalls aus. Des Weiteren entschied ich mich für eine klare Absage an die Verwendung eines Suchers, der die Rahmung des Bildes, beziehungsweise den absichtlichen Ausschluss bestimmter unerwünschter Details ermöglichen würde. Es handelt sich schlichtweg um einen sehr kleinen Raum in den, zwischen der manuellen Öffnung und Verschließung des Lochs, Licht einfällt und sich auf photosensiblem Material einschreibt.

[Einblick. Ausblick. Durchblick. – Die Öffnung der Zwischendecke. Das Spiel mit dem Aufdecken der einzelnen Platten. Die Durchsicht vom Inneren des Kontrollraums bis hin zur Hallendecke. Das Eindringen des Hallenlichts durch die nach und nach von mir aufgedeckten Luken.]

In das Innere des Raumes fallen während der Arbeit im Kontrollraum Lichter und Schatten, die zu keiner Zeit dort zu beobachten sind. Würde ich soweit gehen alle Platten aufzudecken und abzunehmen, so fände ich mich schließlich unter einem Gitter wieder, welches mir Leon Battista Albertis Gitter zum genauen Abzeichnen und Erfassen von Körpern, Ansichten und Räumen in Erinnerung bringt. Eine Erfindung, die am Anfang des modernen Sehens steht.

Wie kann man einem Ort begegnen, in dem Wissen, dass er in dem Maße in mir präsent sein wird, in dem ich in ihm präsent sein werde? Mit wachem Blick, - und der bedarf des ganzen Leibes und allen Sinnen.

Die Handlung des Auf- und Zudeckens der einzelnen Platten nimmt die Geste des Öffnens und Schließens der Kamera wieder auf, - den Akt der Belichtung. Das Licht des äußeren Raumes fällt durch die aufgedeckten Luken in den inneren Raum, um sodann von der Lochkamera aufgenommen zu werden. Eine Kette von Verschachtelungen und Verschlingungen. Einmal blickt das eine Auge der Kamera aus dem Kontrollraum hinaus, ein anderes Mal schaut die Kamera in langer Flucht über die Deckenkonstruktion hinweg, und dann wieder fällt ihr Blick von dort oben in den Raum hinein. So durchwebt der Blick den Raum.

Licht. Die Neonleuchten des Kontrollraums waren die Hauptlicht-quellen für die des Nachts entstanden Photographien. Für die Ausstellung wurden die Leuchten demontiert und im Außenraum hinter den Glasscheiben des Fries installiert, um so die Bilder zu beleuchten. Auch hier ist das Wechselspiel von Innen- und Außenraum, Lichteinfall und -ausfall und die konstante Umkehrung der gegebenen Verhältnisse entscheidend.

Die Bilder betonen immer wieder die Schwelle, dort wo der Kontrollraum übergeht in den Raum, dessen Vorgänge es früher zu überwachen galt. Sie werden dort gezeigt, wo sie entstanden sind.

Alle Luken sind wieder geschlossen.