Im Ort der Bilder

Ich finde mich in völliger Dunkelheit wieder. Hinter meinem Rücken spüre ich eine Wand. Es scheint ein Innenraum zu sein. Vorsichtig taste ich um mich herum, schiebe mich seitwärts an der Wand entlang. Plötzlich gibt es Licht. Ein helles Grün mit bewegten Lichtflecken darin erscheint vor meinen Augen. Unwillkürlich rutsche ich zurück, sofort ist alles wieder dunkel. Ein großer Schritt zur Seite macht mir deutlich, dass sich in der Wand eine kleine runde Öffnung befindet. Ich muss sie mit meinem Körper verdeckt haben. Durch das Loch dringen Lichtstrahlen, die auf eine gegenüberliegende Wand treffen.

Es ist ein kleiner leerer Raum, in dem ich aufrecht stehen kann und wohl auch ausgestreckt liegen könnte. Abgesehen von dem winzigen Loch, gibt es weder Tür noch Fenster. Das Lichtbild überdeckt die ganze hintere Wand. Der Raum scheint genau auf die Ausmaße der Projektion ausgerichtet zu sein. Das schillernd bewegte Grün sind genauer betrachtet Bäume, – ein Wald. Hier drinnen stehen sie auf dem Kopf. Ich bin in einer Camera obscura.

Es ist ein Anblick, der an eine bewegte Malerei denken lässt. Die Bäume bewegen sich im Wind. Einmal ist es ein leichtes, fast unmerkliches Wiegen der einzelnen Blätter und dann ein Stürmen, das den ganzen Baum ergreift.

Meine Hand sucht das unerreichbar Ferne, möchte es ergreifen, zu fassen bekommen. Das Bild legt sich über die Haut, fließt darüber, wie ein transparenter leuchtender Stoff. Langsam gehe ich immer mehr hinein, bis mein Körper ganz in glitzerndes grünes Licht getaucht ist, untrennbar verbunden mit den Farben und Formen, die über mich gleiten. Meine von der Öffnung abgewandte Seite ist hingegen ganz im Dunkeln und hinter mir auf der Wand zeichnet sich mein Schatten ab. Seltsam, es ist, als würden die materiellen Dinge des Außen, von dem Passieren des Lochs an, zu einem Bildteppich aus vielen einzelnen Lichtfäden verwoben. Von dem Gewebe bedeckt, formt mein Körper darin weiche Falten.

Ich setzte mich unter die Öffnung mit dem Rücken zur Wand. Hier, außerhalb des Strahlengangs, sieht mich weder das Licht, noch ich mich selbst.

Eine ganze Weile sitze ich so vor der Szene. Manchmal taucht ein Vogel im Blattwerk auf. Eigentlich ist es kein ungewöhnlicher Anblick, – ein Wald, Bäume in denen Vögel landen und wieder wegfliegen. Doch so umgekehrt und losgelöst von Geräuschen, Gerüchen und anderen Empfindungen, wirkt alles bedeutsam und besonders. Jede Einzelheit scheint verbunden mit ihrer Umgebung, als gingen sie wechselseitig auseinander hervor. Eine eigene Welt, die sich selbst erschafft, indem sie hier hineinfällt.

Meine Aufmerksamkeit wird auf den oberen Bereich gezogen. Vom Rand aus dringt etwas Buntes ins Bild. Es ist ein Kind, – jetzt kommen noch mehr. Ich zähle fünf. Sie laufen durcheinander, bleiben stehen, eins stürmt auf ein anderes zu, es ist ein Fangspiel. Sie verschwinden, so schnell, wie sie aufgetaucht sind am anderen Bildrand.

Ich bin überrascht. Bislang war die Welt, die ich da sah, entrückt und unwirklich, ohne die Gegenwart von Menschen. Ich hätte den Kindern gerne weiter zugeschaut, aber es ist nicht möglich ihnen mit dem Blick zu folgen. Der Bildraum ist auf diesen Blickwinkel und auf diese eine unausweichliche Perspektive begrenzt. Dagegen setzt sich das Leben außerhalb in ständig wechselnden Perspektiven fort, ohne dass ich daran Anteil haben kann. Bis zu diesem Moment wirkte alles absolut und wie für mich geschaffen, doch jetzt fühle ich mich eingesperrt.

Zwar ist es spannend, das Geschehen aus der Entfernung unbemerkt betrachten zu können, doch eben nur so lange die Beobachtungsposition eine frei gewählte ist. Hier drin bin ich ganz auf meinen Blick reduziert. Mein Körper ist nur noch ein Schauender. Und mein Blick ist gezwungener Maßen enthalten in dem einen immergleichen Ausblick der Camera. Obwohl ich, als alleinige Betrachterin, gewissermaßen das Zentrum des Raumes darstelle, bin ich doch im Grunde zu absoluter Passivität verurteilt. Es macht für das Geschehen im Außen keinen Unterschied, ob ich hier Drinnen lebendig oder tot bin. Niemand nimmt mich, abgeschnitten von jeder Möglichkeit zu Handeln, Einfluss zu nehmen und mit dem Außen zu kommunizieren, wahr. Als einzige Freiheit bleibt mir, die Augen zu schließen. Das leere Auge der Camera bleibt dennoch offen.

Die Tatsache, hier als Schatten gefangen zu sein, der eine verkehrte Welt sieht und sich selber bloß erahnt, ist unerträglich. Ich sehne mich danach, die Kammer zu verlassen, die Welt da draußen zu spüren, und als Teil von ihr wahrgenommen zu werden. Der einzige Ausweg führt da durch die kleine Öffnung. Ich weiß es ist unmöglich, sogar illusorisch, da hindurch zu wollen. Aber hier drin ist schließlich alles Illusion, warum es also nicht probieren. Das Loch ist so klein, dass nicht einmal mein kleiner Finger hindurchpassen würde, um es aufzuzwängen. Ich drücke, presse, und schlage so fest es geht dagegen. Alles ohne den geringsten Erfolg. Ich trete zwei Schritte zurück und springe gegen die Wand, einmal, zweimal, viele Male. Schließlich bin ich so geschunden und erschöpft, dass ich taumelnd gegen die Projektionswand stürze. In dem Moment bricht sie zusammen und ich verliere das Gleichgewicht. Ich bin im Freien.

Am Boden liegend schaue ich umher, entlang an Etwas, das sich in langer Flucht von mir entfernt. Ich bin nicht sicher, ob es zu mir gehört, so wie ein Arm oder ein Bein, oder ein Anderes ist als ich. Der offene Raum dringt auf mich ein, scheint sich bei jedem Atemzug mit mir gemeinsam zu bewegen. Das Feste wirkt nicht mehr stabil. Es zieht sich zusammen und dehnt sich aus. Sichtbares, Unsichtbares und alle Sinneswahrnehmungen greifen ineinander. Meine Augen schauen gleichermaßen sehend und berührend, – sie fühlen was sie sehen. Plötzlich greift ein Rauschen, Wogen, Kitzeln um sich. Bilder, Licht, Gedanken und Gefühle wirren und fluten durch­einander. Mein ganzer Leib verwandelt sich in viele Tausende von Augen. Eine jede dieser Augenzellen blickt, tastend fühlend und kribbelnd denkend um sich her. Keine hält an irgendeiner Stelle inne, ein unbändiges Gewimmel von Begehren.