A Travers Champ(s)*

Das Licht fällt durch eine minimale Öffnung und schreibt sich auf einer photosensiblen Schicht ein. Die Öffnung und die Verschließung des Lochs, so wie die Beförderung des Films geschehen von Hand. Im Spiel der Einschreibungen von Lichtstrahlen, Reflexen, Verdunkelungen, entsteht so nach und nach eine Szene in dem kleinen Holzgehäuse. Dieser uneinsehbare ‘Schauplatz’ ist eine Camera obscura, genauer eine Lochkamera, ein elementarer Fotoapparat.

Jede Aufnahme markiert ein Anhalten, eine Pause, während dem Entrollen und Aufrollen des Filmstreifens von einer Spule auf die andere.

Die Sonne zeichnet auf dem Filmmaterial helle Linien zwischen Himmel und Erde. Verantwortlich dafür ist ein leichtes Zittern der Hand, während der Öffnung des Lochs. Es ist eine winzige Bewegung, die im Verhältnis zur übrigen Belichtungszeit kaum von Dauer ist. Dennoch, sie bleibt nicht unbemerkt. Sie entgeht der Kamera nicht. Sie brennt sich ein. Ihre Spur deutet auf das hin, was entgegen der bildlichen Fixierung, des Festhaltens, lebendig und vergänglich in der Zeit ist.

Niemals sind es eingefangene Momente oder Schnappschüsse. Vielmehr ist es eine Zeitspanne, während der das Licht in geringem Maße in das Innere des Gehäuses dringt. Je nach Intensität des Lichts dauert die Passage mehr oder weniger lange.

Der Gang, in dem sich das Bild nun befindet, ist ein Ort, an dem niemand anhält. Menschen kommen und gehen durch den langen gläsernen Tunnel von einem Gebäude in das andere. Meine Aufmerksamkeit wurde auf die Durchquerung gezogen und auf den Blick, der in der Fortbewegung Linien zieht

Folgt man dem Gang durch das sich anschließende Gebäude, gelangt man zu einer Tür, die ins Freie führt. Hier öffnen sich die an das Gelände von «Belle Idée» angrenzenden Felder. Zu Beginn seiner Geschichte befand sich das psychiatrische Hospital in einiger Entfernung zur Stadt, mitten auf dem Land. Ein Spaziergänger sprach mir von einem Bauprojekt, welches für das kommende Jahr, auf diesen Feldern, geplant sein soll. Die Stadt, so scheint es, nähert sich, nimmt das Hinterland ein, wird so bald das Hospital umfangen und in sich aufnehmen, um noch irgendwo ein freies Stück bebaubare Erde zu finden.

Um zu konstruieren, muss man zunächst graben. Man muss ein Loch ausheben, um etwas zu errichten. Himmel und Erde sind imaginär, aber auch ganz konkret, Orte von Leben und Vergehen, überall dort, wo man etwas in der Erde vergräbt oder durch sie erhält, wo man etwas darin versteckt oder findet. Und manchmal mag es genügen sich auf einen Quadratmeter Erde zu konzentrieren, um darin ein ganzes Schweizer Bergpanorama zu finden.

Das Licht schreibt sich auf verschiedene Weise im Inneren der im Feld platzierten Kamera ein. Die einzelnen Aufnahmen überlagern und verbinden sich, machen sich gegenseitig unkenntlich. Trotz der verschiedenen Schwellen, Niveaus, und Bildübergänge, entwickelt sich eine Form von Kontinuität, die über die Länge des Bandes erhalten bleibt.

Entgegen der zeitlichen und räumlichen Trennung zwischen einem Bild und einem anderen, zwischen einem Moment und einem anderen, zwischen einem Raum und einem anderen, zwischen einer Geste und einer anderen, suche ich ein Fließen; eine Verbindung, die indirekt sein kann, die nicht unmittelbar ist, die sich im Laufe des Bandes formuliert. Die verschiedenen Belichtungen auf dem Filmmaterial bilden ein Ganzes, das man nicht bloßdadurch erhält, indem man die Leerstellen zwischen den Bildern füllt.

Der Film wird lesbar, indem man den Gang entlang des Bandes durchquert. Es gibt keinen Apparat, der den Film abspielt. Es ist die Lektüre des Passanten, seine Betrachtung im Vorübergehen, welche die Bewegung bewirkt. In dieser Bewegung findet die Beförderung des Films im Inneren der Lochkamera ein Pendant. Im bewegten und bewegenden Blick des Betrachters schließt sich der Kreis.





* (A travers champs, zu Deutsch ~ querfeldein, champ ohne s bezieht sich auf le champ photographique)

Die Arbeit A travers champ wurde im April 2008 durch die Finanzierung der HUG (Hôpitaux Universitaires de Genève) fertig gestellt und ist seit dem dauerhaft in dem Centre de la Direction von «Belle Idée» installiert.